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Die Viktorianer

Von Isambard Kingdom Brunel bis Charles Dickens - von Charles Darwin bis Jack the Ripper: auf den Spuren einer außergewöhnlichen Ära

1 Stunde 15 Minuten

 

 

David Perry, Morwellham

Königin  Victoria

Minen-Transportlore

Das Königreich Ihrer Majestät Viktoria war das größte Imperium, das die Welt je gesehen hatte. Der Union Jack wehte über allen fünf Kontinenten. Die Industrielle Revolution trat ihren Siegeszug in England an. Britische Wissenschaftler und Ingenieure veränderten die Welt. Englische Kultur und Sprache verbreiteten sich rund um den Globus. Aus Kriegen, die auf allen Erdteilen im Namen der Königin geführt wurden, gingen die Briten meist siegreich hervor. Viktoria war stolz darauf, Kaiserin von Indien zu sein.

Das Viktorianische Zeitalter, das mit der Thronbesteigung Viktorias 1838 begann und bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts reichte, war auch eine Zeit der Widersprüche. Fast grenzenlosem Reichtum hemdsärmeliger Unternehmer stand das Elend vieler Slumbewohner in den neuen Industriezentren gegenüber. Die Armut in den Ballungszentren war Nährboden für Gewalt und Kriminalität.

In kürzester Zeit wurden Agrarwirtschaften zu Industriegebieten. Ohne die Erfindungen von Dampfmaschine und Eisenbahn sind die Umwälzungen nicht denkbar. Die Pferdekutsche hatte ausgedient. Entfernungen, für die man früher Tage brauchte, wurden nun in wenigen Stunden überbrückt. Die Menschen wurden von nun gezwungen, mobil zu sein.

Viktoria und die königliche Familie galten als Vorbilder der Nation. Der Glaube an eine verheißungsvolle Zukunft, die Überzeugung von technologischem Fortschritt und Mut gehörten ebenso zu viktorianischen Tugenden wie eine gewisse Prüderie und Frömmelei. Gegen Gesetzesbrecher wurde rigoros vorgegangen - vor allem wenn sie der Arbeiterklasse angehörten.

Die klangvollen Namen Alexander Bell, Isambard Kingdom Brunel, Charles Darwin, Charles Dickens, Michael Faraday, David Livingston, Cecil Rhodes, John Snow und William Fox Talbot sind ebenso untrennbar mit dem Viktorianischen Zeitalter verbunden wie die Präraffaeliten, Gilbert und Sullivan, Sherlock Holmes, Jack the Ripper und Alice im Wunderland.

In 63 viktorianischen Jahren hat Großbritannien sich und die Welt verändert. In der konstitutionellen Monarchie gewann die Demokratie an Boden.

 
 

 

Filmtext:

Die Viktorianische Ära, eine Zeit des Ruhmes und Fortschritts für die Briten.

Königin Viktorias Amtszeit erstreckte sich über 63 Jahre. Während Großbritannien zum größten Kolonialreich wurde, das die Welt je gesehen hatte, nahm der Einfluss der Monarchie langsam ab - zugunsten einer stärkeren Demokratisierung.

Viktoria wurde am 28. Juni 1838 in Londons Westminster Abbey gekrönt.

Weil ein Sonnenstrahl genau in dem Moment auf ihr Haar fiel, als die Krone aufgesetzt wurde, sahen viele darin ein gutes Omen für die Nation.

Von der Regentschaft der erst 18 Jahre alten Königin erhoffte man sich eine Ära des Friedens und des Wohlstands.

In einer Zeit ungewöhnlichen Wachstums wurde Königin Viktoria zum Symbol der Werte ihres Empires:

Fester Glaube an technischen Fortschritt, die Überzeugung einer verheißungsvolle Zukunft, Mut, Zuversicht und eine gewisse Prüderie. Aber auch das strenge Regiment von Gesetz und Ordnung, was sich oft besonders auf die unteren sozialen Klassen hart auswirkte.

Die Industrielle Revolution war in vollem Gange. Neue Technologien verwandelten das Königreich von einer Agrargesellschaft in einen Industriestaat. Wissenschaftliche Entdeckungen und technischer Fortschritt machten England zu einem Vorreiter der Dampfmaschinen-Ära.

 

Einer der bekanntesten Analytiker und Kritiker der viktorianischen Gesellschaft war Charles Dickens, Schriftsteller und Journalist.

Hier schrieb der Sohn armer Eltern einige seiner Romane, die soziale Veränderungen bewirkten. Sein Haus in London ist heute ein Museum.

Der 12-jährige Charles konnte nicht zur Schule gehen. Er musste in einer Fabrik arbeiten, um die Schulden seines Vaters zu tilgen.

Viele seiner Geschichten resultieren aus dieser frühen Erfahrung.

(O-Ton Lucinda Dickens-Hawskly, Verwandte von Charles Dickens)

"Charles Dickens hat für die Massen geschrieben. Nicht jeder konnte seine Bücher lesen. Aber viele haben sie sich vorlesen lassen. Über die Dickens-Romane hörten die Menschen von denen, die lesen und schreiben konnten. Dickens schrieb über soziale Verhältnisse wie über die Baby-Farm oder Arbeitshäuser in „Oliver Twist“ – und auch über die „Yorkshire Schools“ im Roman “Nicholas Dicke“.

In die „Yorkshire Schools“ hat man unerwünschte Kinder geschickt. Kinder, deren Eltern nicht verheiratet waren, oder wenn die Eltern die Kinder loswerden wollten,

Angeblich erhielten sie in den „Yorkshire Schools“ eine Ausbildung. Aber in Wahrheit wurden sie sehr schlecht behandelt. Nie sind sie in den Ferien nach Hause gefahren. Oft sind sie an Krankheiten gestorben, die leicht hätten behandelt werden können. Sie wurden aber gar nicht behandelt. Und Dickens hat diese Zustände öffentlich gemacht. Kurz nachdem „Nicholas Dickelby“ erschien, wurden die Schulen geschlossen. Journalisten haben dann vor Ort recherchiert. Sie kamen zum Ergebnis, dass es diese Schulen wirklich gab. Es war ein Riesenskandal.
Schlagzeilen in allen Zeitungen."

Dickens' Nachforschungen und Enthüllungen machten ihn zu einem Vorreiter des investigativen Journalismus.

In dieses Haus in Doughty Street zog Dickens nach seiner Heirat mit Catherine Hogarth, Tochter eines Zeitungsverlegers.

Während des 19. Jahrhunderts waren Fortsetzungsgeschichten in Zeitungen und Magazinen sehr beliebt. Einige Episoden seiner Romane entwickelte Dickens von einer Woche zur nächsten.

Rochester, etwa 50 Kilometer von London entfernt, war Charles Dickens'´ Lieblingsstadt.

Hier lebte er als Kind, und noch einmal viele Jahre später, nachdem er ein erfolgreicher Schriftsteller geworden war.

Die Burg von Rochester am Ostufer des Medway Flusses war für Dickens ein Quell der Inspiration.

Auf den alten Grabsteinen vor den massiven Festungs-Mauern fand er die Namen seiner Helden. Einige wurden unsterblich. Dickens selbst wollte hier beerdigt werden. Aber nach seinem Tod wurde ihm die ungewollte Ehre zuteil, in Westminster Abbey begraben zu werden - neben Charles Darwin, Isaak Newton und vielen Königen und Königinnen von England.

Im Viktorianischen Zeitalter konnte die Mittelklasse wachsen und gedeihen. Neue Jobs und völlig neue Berufe wurden geschaffen. Manche Historiker meinen, dass sich die Mittelklasse desselben Komforts erfreuen konnte wie die Aristokratie ein Jahrhundert zuvor.

Obwohl auch Dickens die neuen Annehmlichkeiten genoss, hat er nie das Elend der weniger Priviligierten vergessen. So unterstützte er - neben anderen Wohltätigkeiten - ein Heim für die Zuflucht verzweifelter Frauen.

(O-Ton Lucinda Dickens-Hawskly, Verwandte von Charles Dickens)

"Das Landhaus war ein Heim für gestrauchelte Frauen. Prostituierte kamen dorthin – oder unverheiratete Mütter. In dem Heim brachte man ihnen alles bei, was sie für die Hauswirtschaft brauchten. Sauberkeit war wichtig. Reinlichkeit am eigenen Leibe und im Haus. Sie lernten, für sich selbst zu schneidern. Sie konnten dann als Haushaltshilfen ins Ausland gehen – oder sie konnten auswandern und sich gut verheiraten.
Na ja, ich meine wirtschaftlich gut. Sie konnten z.B. einen Farmer heiraten, vielleicht in Australien. Kanada war so eine Art Traumziel.
Aber die meisten wurden nach Australien geschickt. Dort gab es viele schwer arbeitenden Männer, die eine Frau suchten. Die Frauen konnten nicht in Britannien bleiben. Wegen ihres Leumunds.
Heute sagen manche: wie schrecklich, wie konnte man nur diese Frauen ans andere Ende der Welt transportieren? Damals war es ihre einzige Chance.
Es war ein großartiges Unternehmen! Und Dickens war dafür verantwortlich.
"

 

Die Industrialisierung zog mehr und mehr Menschen vom Lande in die großen Städte. Hier lebten Hunderttausende in Elend und Armut – am schlimmsten im übervölkerten East-End von London. Die miserablen Lebensbedingungen waren Brutstätten der Kriminalität. Einer der bekanntesten Verbrecher war der mysteriöse Jack the Ripper. Im Jahre 1888 verfolgte er seine Opfer in Whitechapel.

Mary Nickels, Ann Chapmann, Elizabeth Stride, Catherine Eddows, Mary Jane Kelly.

(O-Ton Arthur Pumble, Anwohner)

"Hier soll der Tatort gewesen sein – der vom letzten Mord des „Jack the Ripper“. Damals gab’s keinen anderen Fluchtweg als diesen.
Hier ist er um die Ecke geflitzt. Man hat ihn nie wieder gesehen.
Der Hintergrund war, dass sich sein Bruder bei einer Hure eine Geschlechtskrankheit geholt hat.
Jack the Ripper hat sich gerächt, indem er Prostituierte umbrachte.
Er hat sie aufgeschlitzt. Weil er meinte, das müsse er tun.
Kein einziges Mal hat er seine Opfer sexuell missbraucht.
Er hat sie einfach getötet.
Von unten her hat er sie aufgeschlitzt.
Wenn Sie mich fragen: er war ein Irrer."

Auch das Viertel um diese Kirche in Spittelfield war ein Jagdrevier des Rippers. Seine Opfer waren bettelarme Frauen, die gezwungen waren, ihren Lebensunterhalt durch Prostitution zu bestreiten.

Die extrem hohe Kriminalitätsrate unter den Armen führte zu heillos überfüllten Gefängnissen. So drakonisch waren die Strafen, dass verhungerte Kinder, die Brot gestohlen hatten, in Straf-Kolonien verbannt wurden. Auch geringfügige Vergehen wurden oft mit dem Tod bestraft. Im berüchtigten Newgate Gefängnis wurde öffentlich gehenkt – ein großes Spektakel für Arm und Reich – bis öffentliche Hinrichtungen 1868 abgeschafft wurden.

In wenigen Jahrzehnten wuchs Londons Bevölkerung auf vier Millionen. Im Herzen des größten Empires, das es auf Erden gab, stank es nach fauliger Armut, die den Entbehrungen der ausgebeuteten Kolonialbevölkerung in den entferntesten Winkeln der Erde nicht nachstand.

(O-Ton Jonty Stern, Historiker Museum of London)

"Im Viktorianischen Zeitalter klafften große Unterschiede zwischen Arm und Reich.
Wenn jemand krank war und deshalb nicht zur Arbeit kommen konnte, hat er keinen Lohn erhalten. Krankengeld – wie heute – gab es nicht. Urlaubsgeld gab es auch nicht.
Wer krank war, ist oft nicht zum Arzt gegangen. Denn Arztbesuche kosteten Geld.
Und man wollte ja nicht seinen Verdienst verlieren, wenn man nicht zur Arbeit erschien. Kranke haben also ihre Krankheiten verschleppt.
Die Arbeitsbedingungen waren oft gesundheitsgefährdend. Es gab weder Sicherheits-Vorkehrungen für die Gesundheit noch für den Umweltschutz - wie wir sie heute kennen. Wer zum Beispiel mit Blei arbeitete, der hat keinerlei Schutzkleidung oder Arbeitshandschuhe bekommen.
In unserem Museum haben wir Wachsköpfe von Arbeitern aus jener Zeit ausgestellt, die verdeutlichen, welche Schäden die Menschen davontrugen, wenn sie schwierigen Arbeitsbedingungen und unzureichenden Schutzmaßnahmen ausgesetzt waren.
Viele der Ärmsten mussten im Dunkeln ohne Tageslicht arbeiten. Sie bekamen oft Rachitis, die O-Bein-Krankheit. Die Leute hatten nicht genug Vitamin D, ein Vitamin, das wir normalerweise von der Sonne bekommen. Wenn man zu wenig Sonnenkontakt hat – weil die großen, dunklen Gebäude über uns die Sonne abschirmen - dann ist man gefährdet.
Für die armen Leute war das Viktorianische Zeitalter eine der schlimmsten Epochen in Londons Geschichte."

 

Wer nicht arbeiten konnte, fand eine letzte Zuflucht im Arbeitshaus. Mittellose bekamen hier Unterkunft und Essen. Wie zahllose Arbeitshäuser im ganzen Land hat Southwell bei Nottingham die Ärmsten der Armen mit harter Arbeit und religiösem Dogma drangsaliert. Die Regeln waren streng. Ungehorsam wurde hart bestraft. Jeder, der nicht wirklich verzweifelt war, hatte Grund genug, um die Arbeitshäuser einen großen Bogen zu machen.

(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)

"Wenn sie nicht zum Gottesdienst erschienen, wenn sie sich weigerten teilzunehmen, wurden sie bestraft. Es gab eine ganze Menge von Strafen für verschiedene Verfehlungen im Arbeitshaus. Wer nicht zum Gottesdienst kam, erhielt kein Fleisch zu essen. Einen Tag lang oder zwei Tage. Oder er bekam überhaupt kein Abendbrot.
Wer den Gottesdienst zwei oder drei mal boykottierte, der wurde eingesperrt. In ein dunkles Zimmer – Einzelhaft bis zu zwölf Stunden. Wer die Mitarbeiter des Arbeitshauses schlecht behandelte – wer zum Beispiel gewalttätig war oder wer fluchte – der konnte ins Gefängnis kommen."

Abschreckung sollte die Armen motivieren, sich selbst zu helfen. Keiner sollte sich darauf verlassen, dass Gemeinschaft und Staat für sie sorgten. Schwere und langweilige Arbeit sollte dazu anregen, das Arbeitshaus wieder zu verlassen. Eine der monotonen Beschäftigungen war es, Seile zu zerlegen und zu reinigen.

(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)

"Große, dicke Seile wurden entflochten bis es s o ausgesehen hat. Es waren dann kleine Seile. Die Insassen des Arbeitshauses – oft Männer, aber auch Frauen und manchmal Kinder – mussten sie in feine Fäden zerlegen.
Dieser Strick ist voller Teer, also sehr klebrig. Auseianderpulen macht die Finger wund und blutig. Es riecht sehr stark. Die Luft ist voller Staub.
Also: eine unangehme Arbeit. Zwölf Stunden lang.
Der Grund für diese Prozedur: Wenn das Altmaterial in ganz kleine Fäden zerlegt war - wie dieser hier oder das hier - wurde es in Säcke gepackt und den Schiffswerften übergeben. Es wurde zum „Verkorken“ neuer Schiffe benutzt.
Das heißt: Die Schiffe wurden aus Planken gebaut. Der Zwischenraum zwischen den Planken wurde mit den Fäden gefüllt, die wieder mit Teer gemischt wurden, damit kein Wasser ins Schiff kommt.
Also: um die Schiffe seetüchtig zu machen, wurden gebrauchte Materialien – alte Seile – wiederverwendet. Und die Bewohner von Arbeitshäusern hatten eine Beschäftigung, die langweilig und schlimmer war als das Leben draussen.

Steine zu Kieseln zu zertrümmern war eine andere stumpfsinnige Beschäftigung.
Zur Gartenarbeit wurden alle verpflichtet. Doch Männer und Frauen, die in separaten Quartieren lebten, wurden auch bei der Arbeit voneinander abgeschottet. Hohe Mauern verstellten den Blick in die Höfe des jeweils anderen Geschlechts. Der Aufseher konnte jedoch von seinem Fenster aus alles überwachen.

(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)

"Männer, Frauen und Kinder wurden von einander getrennt. Man war der Meinung, dass die Eltern der Kinder unmoralisch, unproduktiv und lasterhaft waren. Deshalb wurden die Kinder von den Eltern ferngehalten. Sie sollten religiös und moralisch gefestigt erzogen zu werden – um sich ja nicht so zu entwickeln wie ihre Eltern."

Wer ins Arbeitshaus ging, musste seine persönlichen Habseligkeiten zurücklassen. Spiele – besonders Karten und Würfel – waren streng verboten. Markierungen in den Ziegelwänden sind traurige Belege dafür, wie die Armen ihre Freizeit verbrachten.

(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)

"Die Leute hier haben dennoch gespielt. Zum Beispiel mit Kieselsteinen, die man auf den Boden geworfen hat. Oder sie haben gespuckt – Wie weit kann man spucken? Wer am weitesten spuckt, der ist so gut wie einer, der eine „6“ würfelt.
Vielleicht."

Die Anstaltskleidung bestand aus einer Tages-Uniform und einem Nachthemd. In die kleinen, schmucklosen Räume zwängten sich sechs bis acht Personen. Kranke, Gebrechliche und alte Menschen wurden mit etwas mehr Nachsicht und Fürsorge behandelt. Aber: niemand wurde gezwungen zu bleiben! Jeder der ging, war eine Entlastung für die Gemeinde.

(O-Ton Sarah Clark, The Southwell Workhouse)

"Die Arbeitshäuser waren in zweierlei Hinsicht ein Erfolg: Man hat Menschen geholfen - und Geld wurde eingespart. Aber um Menschen davon abzuhalten, ihre Perspektive im Arbeitshaus zu sehen - und um unproduktive, unmoralische Leute abzuschrecken, musste das Leben hier hart gestaltet werden. Es musste schlimmer sein als das schwierigste Leben außerhalb der Arbeitshäuser. Die Freiheit hier war eingeschränkt. Die Disziplin war strikt wie auch die Strafen. Es gab viele Regeln, die befolgt werden mussten. Wer das Arbeitshaus nicht wirklich benötigte, der kam nicht hierher."

Am Ende des Viktorianischen Zeitalters waren die meisten Arbeitshäuser zu Waisenheimen und Pflegestätten für Alte und Kranke geworden.

 

In der Mitte des 19. Jahrhunderts – die Hauptstadt hatte damals 2,3 Millionen Einwohner – waren Londons Friedhöfe hoffnungslos überlastet. Es kam vor, dass Leichen spurlos verschwanden. Tote wurden nicht tief genug verscharrt oder blieben einfach unbegraben liegen. Londons Friedhöfe waren ein erhebliches Gesundheitsrisiko.

Der Mangel an Begräbnisplätzen führte zur „Garten-Friedhofs-Bewegung“. Außerhalb der Stadtgrenzen entstanden in parkähnlichen Anlagen private Friedhöfe, die sich bald auch zu beliebten Ausflugszielen entwickelten.

Nunhead ist heute, wenn auch weniger bekannt, der attraktivste viktorianische Friedhof. Eine anglikanische Kapelle überschaut ein großes Areal gezähmter Wildnis. Bizarre alte Bäume und wild wachsender Efeu schützen die vom Wetter zerzausten Grabmäler und –Steine.

Diese Vorstadt-Friedhöfe, die sich positiv abhoben von den engen Gottesäckern im Stadtinnern, gefielen besonders den Neureichen. Man wünschte sich Anerkennung des neuen sozialen Status. Und die Vorstadt-Gräber empfand man als eine Erweiterung des Familienbesitzes – als Grund und Boden, auf dem Monumente errichtet werden konnten, die über den Tod hinausreichten und vom Wohlstand und dem Ansehen der Familie zeugen sollten.

Aber Ruhm und Reichtum schützten nicht gegen Unwissenheit. Obwohl Dr. John Snow in den 1850er Jahren herausgefunden hatte, dass schmutziges Wasser und todbringende Krankheiten untrennbar miteinander verbunden waren. Prinz Albert, Viktorias geliebter Prinzgemahl, starb 1868 an Typhus – weil nicht einmal Windsor Castle die notwendigsten hygienischen Voraussetzungen erfüllte.

Mehr als hundert Jahre lang haben Regen, Wind und Hitze ihre Spuren hinterlassen. Freiwillige Grabschützer halten jetzt die Friedhofsanlage in Stand. Als eine Art Naturpark. Nunhead wurde zur Zufluchtstätte für seltene Vögel: für Spechte, Eulen, Eichelhäher und neuerdings sogar Sittiche.

(O-Ton Steve Mayhew, Friends of Nunhead Cemetery)

"Durch Erdbewegungen und Baumwuchs haben sich Gräber geöffnet. Ich habe gesehen, dass sich einige Särge aufgelöst haben. Die Skelette lagen offen. Aber die meisten Krypten und Gräber wurden wieder in Stand gesetzt, sodass man von den Zerstörungen nicht mehr viel sieht."

Nunhead war ein beliebter Picknick-Platz. Wohlhabende Londoner Familien kamen in ihren Pferdekutschen, um sich in der frischen Luft zu erholen.

(O-Ton Steve Mayhew,Riends of Nunhead Cemetery)

"Sonntags sind die Leute zum Picknick gekommen. Im Sommer haben sie sich ins Gras gesetzt und ihre kühlen Getränke geleert. Angefangen hat das alles mit den Viktorianern. Die haben ihren Nachmittags-Tee in den Katakomben getrunken. Ich habe gehört, dass ganze Familien ihre Toten in den Familien-Gruften besuchten. Ihre Angehörigen lagen in Särgen auf Regalen. Die Familiengräber wurden zunächst sauber gemacht. Dann wurde die Tür der Gruft weit geöffnet, damit frische Luft hereinkam. Schiesslich hat man sich's bequem gemacht - und Tee getrunken und Sandwitches gegessen. Nach dem Friedhofsbesuch ging man wieder nach Hause."

 

Borough's Markt-Gegend südlich der London Bridge hat ihren viktorianischen Charakter erhalten. Die meisten Gebäude hier wurden um 1850 errichtet. Während des 19. Jahrhunderts wurde der Marktplatz Londons wichtigster Umschlagort für Lebensmittel – auch deshalb, weil er nicht weit den Schiffs-Anlegestellen der Themse entfernt lag. Die heutigen Markthallen entstanden 1851 und 1860. Später kamen neue Anbauten dazu.

Die Küche der Reichen in Mittelklasse und Aristokratie änderte sich grundlegend mit der Einführung von Lebensmitteln in Konservendosen, neuen Mehlsorten, schneller Hefe und Backpulver. Innovative Küchengeräte veränderten Zubereitung und Essgewohnheiten.
Auch die traditionellen Fish und Chips sind eine Errungenschaft der Viktorianischen Epoche.

Die Standard-Mahlzeiten der Armen und Arbeiter-Familien veränderten sich jedoch kaum: auf den Tisch kamen vor allem Brot, Kartoffeln, Mais und Bier - nur selten Fleisch.

Rücksichtsloses Beimischen von Fremdstoffen an Lebensmittel aus Profitsucht war gang und gäbe. Die dadurch oft ungesunden oder gar giftigen Produkte konnten tödlich sein.

Das erste Lebensmittel-Gesetz, das im Jahre 1860 verabschiedet wurde, war nicht sehr erfolgreich. Als aber zwölf Jahre später Lebensmittel-Prüfer ernannt und Strafen für Gesetzesbrecher eingeführt wurden, konnte das Gesetz greifen.

Während Viktoria's Amtszeit wurde London zum stärksten Finanz- und Handelszentrum weltweit.

In nur drei Jahrzehnten verdoppelten sich die Einfuhren nach Groß-Britannien. Die Ausfuhren ließen sich verdreifachen.

Die wichtigsten Exportmärkte lagen in Asien, Kontinental-Europa und - zunehmend in den USA.

Der rasante Aufstieg der Mittelklasse-Konsum-Gesellschaft schuf einen neuen Inland-Markt für Güter aller Art.

Südlich und westlich von London entstanden neue Vororte mit relativ komfortablen Reihenhäusern im typisch Viktorianischen Stil: quadratisch mit symmetrisch abfallenden Dächern, oft mit Trägern unter den Traufen und Veranden mit Holzschnitzereien.

 

Ein Beispiel dafür, wie die Reichen lebten, ist Tyntesfield Manor in der Nähe von Bristol: das Anwesen einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die es leicht mit Reichtum und Glanz der landbesitzenden Aristokratie aufnehmen konnte. Die 70 000 Pfund, die die Gibbs-Familie aufbrachte, um das majestätische Gebäude mit seinen 80 Hektar großen Gärten zu errichten, waren weniger als die Familie in einem einzigen Jahr erwirtschaftet hatte.

Dieses Prestigeobjekt im neugotischen Baustil aus dem Jahre 1863 – mit großen, repräsentativen Hallen voller feinster Holzarbeiten und exklusiven Möbeln, mit einer Privatkapelle und extra Räumen für Theater und Billard – wurde durch Vogelmist finanziert. Die Gibbs-Familie handelte mit Guano, einem wichtigen Rohstoff für die Herstellung von Düngemitteln und Explosivstoffen.

(O-Ton Jonty Stern,Historiker Museum of London)

"Für Reiche war es eine sehr angenehme Zeit. Sie hatten riesige Häuser. Man begann auch damit, neue Villen außerhalb der Großstadt zu errichten. Zum Beispiel in Hendon, das jetzt zu Groß-London gehört. London ist heute viel größer als früher. Damals wurde das Eisenbahnnetz erweitert. Man konnte also in einem großen, schönen Haus im Vorort wohnen – wie zum Beispiel in Hendon – und man fuhr dann mit dem Zug in die Stadt. Die Eisenbahn war eine schnelle Verbindung. Der Zug war etwas ganz Neues. Und abends fuhr man wieder mit dem Zug nach Hause.
Für die reichen Leute war es also eine gute Zeit. Aber nicht für die Armen."

Viktorias deutscher Ehemann, Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, hatte Künste und Wissenschaften gefördert. Die Bevölkerung sollte mehr Bildungschancen erhalten. Unter Alberts ehrgeizigen Projekten war die Albert Hall, ein riesiger Prachtbau für öffentliche Veranstaltungen. Prinz Albert starb vor der Fertigstellung. Während der Einweihungszeremonie 1871 war Viktoria so sehr gerührt, dass ihr die Stimme versagte. Ihr Sohn, der spätere König Edward, musste einspringen: „Die Königin erklärt die Halle als eröffnet.“

Viktorias Trauer über den frühen Verlust ihre Mannes dauerte bis zu ihrem Tod. Für den Rest ihres Lebens trug sie nur noch schwarz.

Albert Hall hatte von Anfang an akustische Probleme. Weil das Echo sehr stark war wurde gesagt, die Halle sei der einzige Ort, an dem ein britischer Komponist sicher sein könne, seine Stücke zwei mal zu hören.

 

Die Wiedereröffnung der Londoner Kew Gardens im Jahre 1841 war eine Sensation. Zum ersten Mal wurden Gelder aus der Staatskasse verwandt, um öffentliche Parks anzulegen und zu unterhalten. Die Königsfamilie wollte das Bewusstsein von Wert und Nützlichkeit der Pflanzen fördern. Nach dem Bau der Kew-Gardens-Eisenbahn im Jahre 1869 strömten Millionen von Besuchern in den einzigartigen Botanischen Garten.

William Hooker, der erste Direktor, der von der Königin persönlich berufen worden war, hat tausende exotischer Pflanzen aus allen Teilen des Empires zusammengetragen und sie in neu errichteten Glaspalästen ausgestellt.

Kews Pflanzen-Paläste sind riesig. Ihre Konstruktion war revolutionär. Der erste Gigant aus Glas und Eisen war das Palmen-Haus, entworfen vom Architekten Decimus Burton und errichtet vom Eisenfabrikanten Richard Turner.

Vier Jahre dauerten die Bauarbeiten – bis Königin Viktoria das Palmenhaus 1848 einweihen konnte. Die Konstruktion ist schmiedeeisern. Details sind typisch viktorianisch. Die Glasscheiben wurden von Hand gearbeitet.

Die Halle ist 21 Meter hoch und 121 Meter lang. Sie ist 33 Meter breit.

Das Palmenhaus ist die Heimat der grössten und ältesten Treibhaus-Pflanzen.

Ein Flachbau aus Glas – ganz in der Nähe – beherbergt eine der erstaunlichsten Tropenpflanzen, die jemals im Gewächshaus gezogen wurden: eine Wasser-Lilie mit extremen Ausmaßen und einzigartigen Eigentümlichkeiten. Die Wasserpflanze wurde von Botanikern im feuchten Djungel am Amazonas in Südamerika entdeckt. Ein halbes Jahrhundert lang hat man versucht, die große Lilie nach Europa zu bringen. In den 1840er Jahren waren schließlich die Versuche britischer Pflanzenkundler mit Erfolg gekrönt. Als die Lilie in England ankam, taufte man sie „Victoria Regia“.

Die Pflanze war eine große Attraktion. Sie ist so robust, dass sie einen Erwachsenen tragen kann.

Das Wunder hat eine Begründung: „Victoria Regia“ hat eine Struktur mit großen, sternförmigen Rippen, die durch kleinere Kreuzrippen verstärkt werden.

„Crystal Palace“ war ein Symbol des Viktorianischen Zeitalters. Die „Weltausstellung“ von 1851 war ein Schaufenster der technischen Neuerungen und sollte Britanniens wirtschaftliche Überlegenheit demonstrieren. Der Schöpfer dieses „Juwels aus Glas und Eisen“ war Joseph Paxton, ein Architekt und Gartenbaumeister.
Er nahm „Victoria Regia“ zum Vorbild. Für seinen Glaspalast verdoppelte er die Struktur mit den sternförmigen Rippen und den Kreuzrippen.

„Crystal Palace“ war 33 Meter hoch und mehr als einen halben Kilometer lang. 84.000 Quadratmeter Dach- und Seitenflächen mussten verglast werden. Innerhalb von zwei Jahren stand der Bau – die technischen Fortschritte in der englischen Industrie machten es möglich.

Die erste Weltausstellung in Londons Hyde Park war von Prinz Albert initiiert und überwacht worden. Als die Ausstellung nach sechs Monaten zuende ging, zählte man sechs Millionen Besucher: ein Drittel der gesamten britischen Bevölkerung.

Der legendäre „Crystal Palace“, der Stolz der Viktorianer, wurde 1854 zum zweiten mal von der Königin eröffnet. Drei Jahre nach Beendigung der Weltausstellung wurde der Glaspalast von der Innenstadt in die Londoner Peripherie verlegt – nach Sydenham. Das Gebäude, nun mit einer Dauerausstellung, war wiederum größer als das Original. Im Jahre 1936 ist es ausgebrannt.

Großbritannien war ein Pionier der Industriellen Revolution. Als man die schweren Dampfmaschinen auf Räder stellte, war die erste Eisenbahn geboren. Der Ingenieur George Stephenson baute „Locomotion Number One“, die 1825 den ersten Personenzug auf den Schienen von Darlington nach Stockton zog. Gegen Ende des Jahrhunderts war in Großbritannien ein Eisenbahnnetz verlegt, dessen Schienen mehr als 20.000 Meilen lang waren.

In London wurde der Eisenbahn-Verkehr nach 1840 aufgenommen.

Die Dampfmaschinen beschleunigten Transporte in ungeahnter Weise. Da große Entfernungen in kürzerer Zeit überwunden wurden, rückte die Welt zusammen. Waren wurden schneller befördert. Auch der Postverkehr profitierte.

„Queen Victoria’s“ berühmte schwarze Ein-Penny-Marke aus dem Jahre 1840 war die erste im Voraus bezahlte, selbst-klebende Briefmarke der Welt.

 

In den letzten Jahren hat man viele Eisenbahn-Veteranen aus den Museen geholt und wieder auf die Strecke geschickt. Die South-Devon-Bahnstation in Buckfastley bietet ein seltenes Bild nostalgischer Erinnerungen.

Freiwillige – oftmals Pensionäre – verbringen viele Stunden mit der Wartung der Veteranen.

Diese Lokomotive aus dem 19. Jahrhundert muss eine ganze Woche lang überholt werden, bevor sie eine Woche lang eingesetzt werden kann.

Weil es schwierig war, den Dampfdruck in den großen, schwerfälligen Maschinen zu kontrollieren, waren hohe Sicherheitsvorkehrungen zu beachten. Die Explosionsgefahr war allgegenwärtig.

Wie in alten Zeiten heizt brennende Kohle das Wasser im Tank. Hitze erzeugt Dampf. Der Druck wird auf die Räder übertragen. Die Stahlkolosse erreichen eine Geschwindigkeit bis zu 65 Stundenkilometern.

Der Schriftsteller Thomas Carlyle hat über seine erste Eisenbahnfahrt geschrieben: „Ich hatte Todesängste. Ich war überzeugt davon, dass ich in Ohnmacht fallen würde, wenn das fürchterliche Ungetüm nicht mehr zum Halten gebracht werden könnte.“

(O-Ton Lokführer)

"Man kann durch das Bullauge sehen. Aber am einfachsten ist es, wenn man von der Seite her nach vorne guckt – außer – es regnet."

Die Bahnstationen und Züge, die Wasserspeicher zum Nachfüllen des Heizwassers und die Wartungsanlagen funktionieren heute ebenso wie zur Zeit der Königin Viktoria.

(O-Ton Keith Juett, South Devon Railway)

"Hier gab es vor allem Landwirtschaft mit vielen Farmen, auf denen Schafe gezüchtet wurden. Die Bauern haben die Wolle geschoren. Und es gab auch Wollfabriken. Die Wolle wurde mit Pferdekutschen zu den Fabriken transportiert. Nach dem Bau der Eisenbahn gelangte die Wolle sehr viel schneller auf den Markt.
Die Eisenbahn hat viel dazu beigetragen, dass es den Leuten hier besser ging. Durch den Woll-Handel wurde die Stadt sehr reich. Außerdem hat die Eisenbahn Kohle zu uns gebracht. Die Spinnereien konnten nun mit Dampfmaschinen betrieben werden. Es wurde also Industrie angesiedelt. Und die hat den Wohlstand gebracht.
Die nächste Stadt ist Totnes in diese, und Ashburton in die andere Richtung. Zu Fuß – und mit dem Esel - dauerte es vor dem Bau der Eisenbahn zwei bis drei Stunden. Wenn die Bauern mit dem Zug fuhren – und das kostete eine alte englischen Fünf-Penny-Münze – dauerte es nur zehn Minuten. Die Menschen hatten dann einen ganzen Tag in der Stadt - anstatt ihre Reise lange im Voraus planen zu müssen."

Nach der ersten Eisenbahnfahrt, die Königin Viktoria und Prinz Albert unternahmen, wurde berichtet, dass sich die königlichen Herrschaften über die Raserei beschwerten. Bei 35 Stundenkilometern, so befürchtete das Königpaar, könne der Zug aus den Schienen springen.

Als die legendäre Great-Western-Eisenbahn 1838 die englische Westküste erreichte, brachte die Anbindung Bristols ans Schienennetz einen Umbruch. Auf diesen Schienen konnten nun Waren aus Übersee innerhalb weniger Stunden nach London gebracht werden.

Beim Bau des Bahnhofs Temple Meads hatte Crystal Palace Pate gestanden. Die Halle hatte ein hölzernes Dach und eiserne Pfeiler als Stichbalken über Bögen.

Im alten Bahnhof ist heute das Empire und Commenwealth Museum untergebracht.

Isambard Kingdom Brunel, der Baumeister der Great Western, war einer der begabtesten und kühnsten Ingenieure des 19. Jahrhunderts. Seine hervorragendsten Projekte waren Tunnel, Schiffe und Brücken.

Brunels Familie war aus Frankreich eingewandert. In Fragen der Politik und Religion war Großbritannien in jener Zeit liberaler als andere Länder. Viele Einwanderer wie die Brunels haben dazu beigetragen, dass sich das Vereinigte Königreich zur führenden Weltmacht entwickeln konnte.

Brunels Clifton-Brücke über der Schlucht des Avon-Flusses war die längste Ein-Bogen-Straßenbrücke der Welt. Das ehrgeizige Projekt wurde 1836 begonnen. Wegen Problemen bei der Finanzierung wurde der Bau erst 1864 fertiggestellt – fünf Jahre nach dem überraschenden Tod des rastlosen Ingenieurs.

Brunels Name ist unlösbar mit der „Great Britain“ verbunden. Dieser erste Ozean-Überquerer, der nur aus Eisen bestand, war einzigartig: mit Energie aus Dampf, angetrieben von eisernen Schraubpropellern, mit einem Rumpf von mehr als 100 Metern Länge und so 30 Meter länger als alle anderen Schiffe auf der Welt - war die „Great Britain“ ein Vorreiter in der modernen Schiffahrt.

Brunels Meisterstück war als transatlantisches Luxusschiff konzipiert. Die Jungfernreise 1845 von Bristol nach New York dauerte 14 Tage. Das war Weltrekord. An Bord waren 250 Passagiere erster und zweiter Klasse und 130 Mann Besatzung.

Aber die Luxusreisen nach Amerika erwiesen sich als finanzielles Desaster. Erst als die „Great Britain“ günstige Tarife für den Massentransport anbot, gab es keine Verluste mehr. Als 1851 der Goldrausch in Australien begann, wurde der fünfte Kontinent Ziel für viele Glücksritter, die sich keinen Luxus leisten konnten.

1855 wurde das Schiff von der britischen Regierung als Truppentransporter gemietet. Zum Kampf gegen die russische Armee wurden im Krim-Krieg Soldaten nach Süd-Ost-Europa gebracht.

1857 transportierte die „Great Britain“ Soldaten zur Niederschlagung der Aufstände in Indien.

In den 1830er Jahren hatte Michael Farraday die Prinzipien der Elektro-Dynamik entdeckt.

Faradays Experimente führten zu solch epochalen Erfindungen wie dem elektrischen Motor, dem elektrischen Licht und dem Telegraphen.

Alexander Bell wird als Begründer der Kommunikations-Ära angesehen. Nach der Einführung der Elektrizität hat Bell 1876 seinen Prototyp eines Telefons vorgestellt. Weiterentwicklungen des ersten Apparates konnten große Distanzen überbrücken und machten direkte Sprechverbindungen möglich.

Londons erste Telephone standen in den Palästen der Königin.

1838 gelang es William Fox Talbot, fotografische Bilder auf Silber-Chlorid-Papier herzustellen. Die Experten mit dem Stativ benötigten die Fertigkeiten eines Künstlers und die des Handwerkers.

(O-Ton Ioan Jones, Milestones Museum)

"Die Fotografen haben die Motive, die sie aufnahmen, durch eine Milch-Glasplatte auf der Kamera-Rückseite gesehen und haben sich dann ein schwarzes Tuch über den Kopf gezogen, um Lichteinfall zu vermeiden."

In den 1840er Jahren war Fotografieren noch ein Luxus, den sich wenige leisten konnten. 30 Jahre später war Fotografieren zum Volkssport geworden.

(O-Ton Ioan Jones, Milestones Museum)

"Die Film-Belichtung wurde mittels einer Linsen-Abdeckung reguliert. Wenn der Deckel entfernt wurde, musste man einige Minuten warten, bis der Film belichtet war. Dann wurde der Deckel wieder auf die Linse gesteckt."


Diese Villa in Down südlich von London war Lebens- und Arbeitsplatz eines höchst umstrittenen Wissenschaftlers: Charles Darwin.

1831 heuerte Darwin auf dem kleinen Schiff „Beagle“ an – nicht als Wissenschaftler, sondern als Begleiter des Kapitäns. Die „Beagle“ unternahm Vermessungen in Süd-Amerika.

Darwin hat viel Zeit an Land verbracht, um die Geologie, Flora und Fauna zu studieren – und um seine Seekrankheit zu vermeiden.

Die Reise der „Beagle“ um die Welt dauerte fünf Jahre.

Auf den Galapagos Inseln traf Darwin auf außergewöhnliche Lebewesen, die in anderen Weltgegenden unbekannt waren.

Aber es waren die gewöhnlichen Galapagos-Finken mit ihren unterschiedlichen Schnäbeln, die Darwin davon überzeugten, dass sich Lebewesen ihren Umweltbedingungen anpassen. In ihrem Überlebenskampf hatten sich die Finken allmählich an unterschiedliches Futter angepasst.

Es hat dann mehr als 20 Jahre gedauert, bis Darwin 1858 seine bahnbrechende Theorie veröffentlicht hat, dass der Mensch – die höchst entwickelte Kreatur auf Erden – nicht von einem Gott erschaffen wurde, sondern Ergebnis Millionen Jahre langer Evolution ist.

Darwins Buch, „Die Entstehung der Arten durch natürliche Auslese“ war innerhalb von wenigen Tagen ausverkauft und – überraschenderweise – von Wissenschaftlern weithin akzeptiert.

 

Ein Meilenstein auf dem Weg zu besseren Lebensbedingungen besonders für die dicht besiedelten Städte war der Zugang zu sauberem Wasser.

Der Glanz herausragender Architektur und Mechanik im Maschinenhaus der Pappelwick Wasser-Pumpstation in Ravenswood bei Nottingham war der Stolz der Architekten, Ingenieure und Baumeister. Sie nannten es den „Tempel des Wasser-Wunders“.

Mit riesigen Dampfmaschinen wurde das Grundwasser an die Oberfläche geholt, in ein Reservoir bergan gepumpt und von dort ins öffentliche Wassernetz geleitet.

Die beiden massiven Pumpen sind wahrscheinlich die letzten, die die James Watt-Fabrik hergestellt hat. Der Firmengründer gehörte zu den Erfindern der Dampfmaschine.

Durch die Bronze- und Mahagoni-umhüllten Rohre und Zylinder flossen bis zu sechs Millionen Liter reines Trinkwasser – pro Tag und Maschine. Sechs Tonnen Kohle gingen täglich in die Brennöfen.

So zuverlässig war der „Tempel des Wasser-Wunders“, dass die Dampfmaschinen noch bis 1970 Wasser förderten.

 

Viktorias Amtszeit begann mitten im Krieg gegen Kanadier, Afghanen und Chinesen. Die Kriege, die folgten, waren meist siegreich und endeten selten in Niederlagen. Nur wenige Briten hatten Einwände gegen das dynamische Wachstum, das das größte Imperium aller Zeiten schuf. Auf allen Kontinenten verbreiteten sich britischer Handel, Technologie, Sprache, Religion und Kultur.

Britische Schiffe durchpflügten die Meere, die die Kolonialmärkte mit dem Mutterland verbanden. Es wird behauptet, all der Wohlstand und der Ruhm des Empires wären unmöglich gewesen, hätte es nicht Sklaverei und Sklavenhandel gegeben. 1841 haben sich dann mehrere Staaten zusammengetan, um den Sklavenhandel zu unterbinden. 1845 wurde das britische Anti-Sklaven-Schwadron mit 36 Marine-Schiffen gebildet, das Tausende von Sklaven befreite.

(O-Ton Jonty Stern. Museum of London)

"Es gab mehrere Länder, die die Welt beherrschen wollten. Spanien war eins davon. Portugal war früher eins gewesen. Und Frankreich war eins. Diese Länder waren unsere Konkurrenten. In Britanniens Geschichte war Frankreich der Hauptrivale.
Vor der Vereinigung von England und Schottland waren auch die Schotten unsere traditionellen Gegner – ebenso wie die Franzosen.
Königin Victoria hat die Politik ihrer Vorgänger fortgesetzt. Drei Regentschaften
vor ihr saß Georg der Dritte auf dem Thron. Er hat die Vereinigten Staaten von Amerika verloren, was viele Briten aus der Fassung gebracht hatte. Ein paar Rebellen war es tatsächlich gelungen, uns zu besiegen und uns ein großes Stück Land
mit reichen Ressourcen abzunehmen. In seiner Ära sind wir dann nach Australien vorgestoßen. Und als Victoria am Ruder war, haben wir versucht, ganz Indien zu übernehmen."

Kanada wurde 1867 besetzt. Nach Feldzügen in Afrika wurde 1876 ganz Indien britisch. Indien nannte man das Juwel in der Krone des Empires. Londons konservativer Premier Disraeli hat der Kolonialmacht neuen Glanz verliehen, als er die Königin zur Kaiserin von Indien machte. Viktoria war stolz auf den Titel.

1881 erlangte London die Kontrolle über den Suezkanal. Damals war der künstliche Wasserweg zwischen Afrika und Asien von hohem strategischen Wert. Der Kanal verkürzte nicht nur die Handelswege zwischen Europa und Indien, sondern ermöglichte auch schnelle, weit entfernte Militäraktionen.

Afrika wurde Schauplatz für imperiale Auseinandersetzungen zwischen Groß-Britannien, Frankreich, Spanien, Portugal und Deutschland. Britische Missionare durchstreiften den unbekannten Kontinent und versuchten, die Einheimischen zum Christentum zu bekehren.

Der Mediziner-Missionar David Livingston suchte nach der Quelle des Nils. Die riesigen Sambesi-Wasserfälle, die er entdeckte, benannte er nach Königin Viktoria.

Cecil Rhodes, Geschäftsmann und Politiker, schürfte in Südafrika nach Diamanten. Er wollte, dass die Briten in ganz Afrika siedelten – auf einer Achse vom Mittelmeer bis zum Kap im Süden. Eine Londoner Zeitung karikierte ihn als Kolonialherrn, der die Deutschen, die Portugiesen und die Buren daran hindern wollte, ins Innere Südafrikas vorzustoßen.

William Gladstone war vier mal Premierminister. In den 1880er Jahren hat er versucht, die Dauerkriege in Afghanistan und in Südafrika gegen die Buren zu beenden.

1887 beging die populäre Königin ihr Goldenes Jubiläum im Amt mit einem großen Bankett. 50 europäische Könige und Prinzen waren geladen.

Zu Viktorias Diamantenem Jubiläum wurden Feste auf allen Kontinenten gefeiert. Als die Königin 1901 starb, kontrollierte das Vereinigte Königreich ein Viertel des Erdballs und der Weltbevölkerung.

 

Im frühen Industriellen Zeitalter war das idyllische Tamar Tal in Devon einer der geschäftigsten Inland-Häfen. In der Blütezeit der Kupferminen hieß es, am Flußbogen von Morwellham gebe es immer einen Wald voller Schiffsmasten. An den Ufern des kleinen Ortes bei Plymouth konnten bis zu 4000 Tonnen Kupfer gelagert werden, bevor sie den Fluss hinunter befördert wurden.

Im Museum von Morwellham Quai lassen sich Viktorianisches Leben und die damaligen Arbeitsbedingungen gut nachvollziehen.

Betuchtere Viktorianer waren meistens auf dem letzten Stand der Mode. Neue Methoden des Färbens und des Bleichens schufen eine riesige Auswahl an Farben. Luxusartikel wie Turbane, Kashmir-Shawls und Federn kamen aus den Kolonien.

Die Armen mussten sich mit Textilien begnügen, die die Reichen abgelegt hatten.

Viktorianer waren prüde. Das Kleid einer Dame war so lang, dass es die Knöchel bedeckte. Und jeder musste einen Hut tragen.

Die Kleidermode reichte von der Glocken- zur Kegel-Form - bis hin zum Gesäßpolster. Eine zierliche Taille war erstrebenswert. So waren Korsetts gefragt – wie auch Handschuhe für Frauen.

(O-Ton Kleider-Model, Museum Morwellham Quai)

"Das Kleid, das ich anhabe, ist sehr typisch für eine Frau der Mittel-Klasse.
Ein Kleid, das man anzog, um sonntags zur Kirche zu gehen. Es wurde Reifrock genannt.
Darunter trage ich meine langen Unterhosen und meinen Pettycoat.
Und darüber dann das Kleid."

Für die Armen war es unabdingbar, dass sie Kleidung selbst herstellten und flickten. Aber auch in besser situierten Familien war es üblich, dass Kleidungsstücke vom ältesten Kind an die jüngeren weitergegeben wurden. Auch arme Frauen trugen Kappen im Haus. Frauen, die es sich leisten konnten, haben ihre Kopfbedeckungen drei mal am Tag gewechselt.

(O-Ton Nicky Goldsmith, Museum Morwellham Quai)

"Die reichen Leute trugen Kleidungsstücke, die sehr gut verarbeitet waren. Sie waren von bester Qualität. Die Mittelklasse zog sich ähnlich an – ihre Stoffe waren nicht ganz so gut. Die Arbeiterklasse hat versucht, die Mode mitzumachen. Die Arbeiterfamilien trugen aber „second hand“-Kleidung. Um ihre Garderobe zu verschönern, haben sie ihre Kleider mit Bändern und Schmuck verziert. Das war nicht so teuer, sodass sie sich das dann gerade mal so leisten konnten."

In den 1850er Jahren kamen Zylinder in Mode – bei den Reichen. Die 1880er Jahre brachten den Bowler Hat.
Arme Männer trugen Mützen.

Morwellhams gewissenhaft restaurierten Bergarbeiter-Hütten lassen die Mühsal der großen Familien in ihren Überlebenskämpfen nachempfinden. Für zehn bis zwölf Personen gab es nur einen kleinen Raum. Außer den Babies haben alle Bewohner in der Kupfermine gearbeitet.

Viktorianische Kumpel haben nur ein paar Pennys am Tag verdient.
Frauen und Kinder weniger als Männer. Das meiste Geld musste für Lebensmittel ausgegeben werden. Vor allem für Brot. Obwohl die Arbeit in den Kupferminen schwer und ungesund war, waren die Jobs gefragt. Man wollte ja überleben.

(O-Ton David Perry, Museum Morwellham Quai)

"Es war in den 1820er Jahren, dass man im Carnon Valley im Südwesten Englands damit begann, Arsen herzustellen. Arsen wird bei der Förderung von Zinn und Kupfer gewonnen. Obwohl man die Eigenschaften von Arsen schon lange vorher kannte, hat die Industrie den Anstoß zur Produktion in größerem Ausmaß gegeben. Der Giftstoff wurde dringend für Bleichmittel, für Farben, für Tönungen von Baumwoll-Stoffen oder auch für Glas-Einfärbungen benötigt.
In einem späteren Stadium der Arsenproduktion ist hier im Tamer-Tal
Arsen vor allem auch als ein Mittel zur Bekämpfung von Pflanzenschädlingen hergestellt worden. Schon damals haben Insekten die Baumwoll-Plantagen gefährdet
."

Das große Wasserrad, das die Mine mit Energie versorgte, symbolisiert den enormen Aufschwung im Kapitalismus. Während die Kumpel keinerlei soziale Absicherung hatten, machten viele Unternehmer sagenhafte Profite. Als die Ein-Pfund-Aktien auf 800 Pfund emporschossen, wurde Morwellham als reichster Kupferhafen im ganzen Empire berühmt.

Heute führt eine Loren-Eisenbahn in den Berg, in dem Kupfer, Zinn, Arsen und Mangan abgebaut wurden. Früher war der Zugang schwieriger. An ihre Schürfstellen gelangten die Kumpel nur über Leitern und lange Tunnel. Die schweren Steine, die sie ausgruben, mussten über die Leitern an die Tunneleingänge getragen werden. Unfälle durch Steinschlag oder Überflutungen waren häufig. Technische Neuerungen brachten den Minenbesitzern höhere Gewinne. Oft mussten die Bergarbeiter aber gerade wegen neuer Maschinen erhebliche Nachteilen hinnehmen. Trotz technischer Fortschritte ließ sich die grausame Kinderarbeit zunächst nicht eindämmen. Bei den Minenbesitzern waren Kinder-Arbeiter beliebt. Kinder konnten in die schmalsten Tunnelecken kriechen. Für eine 12-Stunden-Schicht im Dunkeln haben sie so gut wie nichts verdient. Es dauerte bis 1853, dass Kinderarbeit im Berg verboten wurde. Wer aber älter als zwölf war, galt schon als erwachsen.

(O-Ton Bol de Merchant, Museum Morwellham Quai)

"Kinder haben zunächst über der Erde gearbeitet. Als Hilfskräfte beim Sortieren. Die Mädchen waren gerade mal sieben Jahre alt. Wenn das Metall aus dem Berg kam, haben sie mit Hämmern aufs Gestein eingeschlagen, die Felsstücke zertrümmert und Metall vom Abfall getrennt. Die Mädchen haben immer draußen gearbeitet – nicht unter Tage. Diese Mine war aber ohne jeden Schutz gegen Wind und Wetter. Auch nicht im Winter.
Die Jungen haben über Tage gearbeitet - bis sie elf oder zwölf Jahre alt waren. Dann hat man sie unter die Erde geschickt. Man meinte, sie seien dann alt genug, die
großen, langen Leitern hinunter und wieder hinaufzuklettern, die wir im Berg gefunden haben,
In den ersten Jahren als Arbeiter unter Tage haben die Jungen vor allem Hilfsdienste für die älteren Bergarbeiter verrichtet. Sie haben Bohrgeräte zum Schärfen beim Schmied oben im Dorf und wieder zurück in den Berg gebracht. Kleine Aufgaben wie diese. Von den erfahrenen Kumpeln wurden sie eingewiesen, selbst einmal Bergarbeiter zu sein.
In der Mine war es sehr heiß. Temperaturen zwischen 27 und 30 Grad. Die Arbeit auf engem Raum. Inmitten von Rauch und Staub, die den Sprengungen folgten. Die Explosivstoffe, die man einsetzte, haben schweren Sulfat-Qualm verursacht. Weil es im Berg kaum Luftdurchzug gab, haben die Kumpel den Qualm dauernd einatmen müssen.
Und am Ende des Arbeitstages mussten die Bergarbeiter zwei Stunden lang Leitern zum Ausgang über Tage klettern. Und das war noch nicht alles: Man musste dann noch sechs bis acht Kilometer nach Hause laufen. Wir wissen von einem Arbeiter, der morgends fast zehn Kilometer zur Arbeit laufen musste und abends wieder zehn Kilometer.

Die Lebenserwartung war 38 - allerhöchstens 40 Jahre,

Es war wirklich sehr schlimm."

Die gewaltigen Umwälzungen, die der technologische Fortschritt brachte, hatten bald alle Wirtschaftszweige erfasst. Einige wenige Berufe wie Küfer, Schmiede, Taschner oder Uhrmacher blieben ausgespart. Aber auch nur für kurze Zeit.

In der Mitte des Jahrhunderts arbeiteten 300 000 Näherinnen und Schneiderinnen in Fabriken. Die Mechanisierung der Landwirtschaft zwang die Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung, Arbeit in den unvorstellbar ungesunden, übervölkerten industriellen Zentren wie Manchester, Sheffield, Liverpool oder Birmingham zu suchen.

Im späten 19. Jahrhundert haben viele Tausend Frauen überall im Land ihre Spinnräder aufgeben müssen, weil Textilien nun in den Fabriken hergestellt wurden.

 

Das „Milestones Museum“ eröffnet weitere Einblicke ins Leben der Viktorianer.

Mit Leierkästen wurde in den Straßen musiziert. Wenn in den Kirchen Hymnen gesungen wurden, spielte oft ein Leierkasten die Begleitmusik.

(O-Ton Richard Kerridge, Milestones Museum)

"Das war „Daisy Bell“ – ein viktorianischer Schlager. Er handelt von einem Gentleman, der seine Freundin Daisy heiraten möchte. Eine angemessene Hochzeitskutsche kann er sich nicht leisten. Aber er meint, die beiden würden sehr
attraktiv aussehen, wenn sie auf einem Tandem fahren würden."

In nostalgischen Erinnerungen verblassen oft die Schattenseiten. Zwar gab es positive Tendenzen zu mehr Gerechtigkeit und mehr Humanität. Doch vieles entwickelte sich zu langsam, um die erbärmlichen Zustände in den Elendsquartieren abzustellen.
Die Reichen der Oberklasse hingegen konnten sich eines bis dahin nie dagewesenen Lebens in Luxus mit viel Freizeit erfreuen.

(O-Ton Godfrey Thomas, Milestones Museum)

"In den Oberklassen gab es vor allem Landbesitzer, Leute die viel Grundbesitz hatten. Die Reichen lebten meist auf Gütern, die viele Hektar groß waren. Sie wohnten in geräumigen Häusern mit mehreren Seitenflügeln. Sie hatten viele Diener, die die großen Häuser instand hielten. Man hatte Küchen-Personal. Die Reichen hatten auch Bedienstete, die ihnen beim Ankleiden halfen. Reiche Männer hatten Butler. Frauen hatten Mägde. Die Oberklassen hatten alles, um sich herauszuputzen Schmuck und Juwelen. Und ganz allgemein: sie waren die Nutznießer der Arbeit, die von der Arbeiterklasse geleistet wurde."

Die Industrielle Revolution war nur möglich durch die intensive Nutzung der Dampfmaschine. Obwohl die Umwandlung von Druck aus Wasserdampf in mechanische Bewegung schon seit dem ersten Jahrhundert bekannt war, schufen erst wirtschaftliche Interessen die Voraussetzngen dafür, dass Dampfkraft auch industriell eingesetzt wurde. Vor dem 19. Jahrhundert war das nicht so. Die erste Dampfmaschine wurde in England im 18. Jahrhundert gebaut. Die Erfindung von Thomas Newcomen wurde von James Watt verbessert.

In den 1850er Jahren hatte man Dampfmaschinen so perfektioniert, dass sie fast in jeder Textilfabrik, in Bergwerken und beim Transport verwandt wurden. Die Anstrengungen, Pferdekutschen durch Dampf-getriebene Automobile zu ersetzen, waren nicht erfolgreich. Die schwerfälligen „Straßen-Lokomotiven“ verbrauchten viel Kohle, verlangten ständige Wartung und bedeuteten dauernde Explosionsgefahr. Als 1865 der skurrile „Rote-Flaggen-Erlass“ vorschrieb, dass die Höchstgeschwindigkeit auf sechs Stunden-Kilometer zu begrenzen sei, und dass jedem Fahrzeug ein Mann mit einer roten Warnflagge vorauszuschreiten hätte, sank die Nachfrage auf Null. Der Dampfauto-Bau wurde eingestellt.

Das „Milestones Museum“ gibt auch einen guten Überblick über den Privathandel der Viktorianer. Mit dem täglichen Bedarf deckte man sich im 19. Jahrhundert noch im Laden-um-die-Ecke ein. Doch durch den Frachtverkehr kamen nun Güter aus aller Welt in die Geschäfte. Unter der rasch wachsenden Mittelklasse und den dauerhaft beschäftigten Arbeitern war die Nachfrage nach exotischen Produkten groß.

Aber es gab zu viele, die keinen Luxus hatten – und die jeden erdenklich miesen Job verrichten mussten, um das Allernötigste für ihren Lebensunterhalt heranzuschaffen.

(O-Ton Godfrey Thomas, Milestones Museum)

"Einige Arbeitgeber - solche, wie ich sie hier vertrete - haben ihren Arbeitern manchmal mit Wohnraum ausgeholfen. Die Arbeiterfamilie wohnte in einem sogenannten „Zwei oben - zwei unten“, das heißt: unten im Haus gab’s eine Art Küche und so etwas wie ein Wohnzimmer - und oben gab’s zwei Schlafräume. „Zwei oben – zwei unten“ war eine Mietwohnung. Die Arbeiterfamilie, die in den vier Zimmern wohnte, hatte bis zu 13 Kinder. Wie überall waren auch hier die Kinder notwendig für die Altersversorgung der Eltern.
Die Leute haben damals recht einfach gegessen. Fleisch gab es nur einmal in der Woche. Beim Fleischer kaufte man Hasen und andere Wildtiere. Zum Essen gab’s vor allem Gemüse.
Das Leben der Arbeiterfamilien war hart: Im Kohleofen musste Heiß-Wasser bereitet werden. Gebadet wurde in einem Zinnbehälter – in so einer Wanne, wie sie hinter mir zu sehen ist.
Es war selbstverständlich, dass der Vater, derjenige, der für den Lebensunterhalt sorgte, als erster badete. Das warme Wasser blieb im Zinnzuber. Dann wusch sich die Mutter. Danach kam der Rest der Familie an die Reihe – einer nach dem anderen.
Und als das letzte Kind gebadet wurde, war das Wasser wirklich nicht mehr sauber.

Die fröhliche Atmosphäre in „Milestone’s“ Schule trügt. In Viktorias Zeiten war Bildung eine Sache des Geldes. Viele arme Kinder hatten keinerlei Schulbildung. Im frühen 19. Jahrhundert konnte mehr als die Hälfte der Kinder weder lesen noch schreiben. Nachdem aber ein Grundschul-Gesetz 1870 die Schulpflicht für Kinder im Alter von Fünf bis Zwölf einführte, verbesserten sich die Verhältnisse zusehends. Schulen wurden vor allem von Kirchen und Hilfsorganisationen geführt. In den sogenannten Lumpen-Schulen erhielten Waisen und bettelarme Kinder Gratis-Unterricht - oft auch Essen und Kleidung.

Fehlverhalten wurde mit Stockschlägen bestraft.

Die Kinder der Reichen wurden oft zu Hause von Gouvernanten oder Lehrern unterrichtet. Mädchen erlernten Hauswirtschaft oder Kunst. Viele Reiche schickten ihre Jungen auch ins Internat.

 

In den Augen ihrer Untertanen führten Viktoria und Albert ein beispielhaft glückliches Familienleben, in dem sie ihren Kindern viel Zeit und Liebe widmeten. In der Ära strikter und prüder Werte galt das Königspaar als Vorbild.

Aber es gab auch viel Frömmelei und viele Widersprüche in allen gesellschaftlichen Klassen.

Man trug lange, keusche Kleider und hatte gleichzeitig Turnüren, die einen Körperteil herauskehrten, von dem man in der Öffentlichkeit nicht sprach – ebenso, wie das Wort „Bein“ tabu war.

Viktorianische Kunst und Fotografie hingegen zeigten keine Anzeichen der Unterdrückung.

Die Bilder, die Hobby-Fotograf Lewis Carrol von kleinen Mädchen machte, entstanden mit Genehmigung der Eltern.

Einige Frauen, die im Bergwerk arbeiteten, schockierten die sittenstrenge Gesellschaft. Sie trugen Hosen. So mussten sie über den Hosen Röcke tragen. Aber sie rollten die Rücke hoch, um sich im Schutt besser bewegen zu können.

Die Sklaverei war abgeschafft. Aber Frauen hatten wenig Rechte. Für einige waren die Lebens- und Arbeitsbedingungen schlimmer als in der Sklaverei.

Sonntags ging man zur Kirche. Der Kirchgang war ein allgemein sichtbares Zeichen für tugendhaftes Verhalten.

Trinkgelage waren aber auch gesellschaftsfähig – ebenso wie Kartenspiele in Spielhöllen.

 

221 B Baker Street ist ein eigentümlicher Ort in London. Er existiert nämlich gar nicht. Er war der Wohnort von Sherlock Holmes. Den es auch nicht gab – der aber noch heute in den Herzen von Millionen weiterlebt.

Sein Markenzeichen ist der Deerstalker-Hut, heute ein begehrtes Souvenir im Museums-Shop – ebenso wie Watsons Melone.

Dr. John Watson, sein Freund, Vertauter und Biograph, teilte mit Sherlock Holmes die Wohnung.

Bestseller-Autor Sir Arthur Conan Doyle schrieb 56 Kurzgeschichten und vier Romane innerhalb von zehn Jahren.

1891 schockierte er seine süchtigen Leser, als er im „Final Problem“ dem Leben Sherlock Holmes ein Ende bereitete.

(O-Ton Fremdenführer Sherlock Holmes Museum)

"Conan Doyle hat versucht, ihn zu töten. Sherlock Holmes war aber so populär,
dass der Autor ihn am Leben lassen musste. Wenn die Öffentliche Meinung so stark ist - wenn die Leute glauben, er lebt wirklich - dann stirbt er auch nicht. So wie Supermann, der unabänderliche Kräfte hat
."

Sherlock Holmes - der brillante Detektiv, der Boheme Genius, der pfeife-rauchende Gentleman und Drogensüchtige, die unsterbliche Legende – lässt sich begutachten inmitten anderer Wachsfiguren im oberen Stockwerk des Museums.

Die Helden seiner Fälle, seine Klienten und seine Widersacher, bilden mit ihm eine bizarre, große Familie unvergesslicher Charaktere – die die meisten Besucher sofort erkennen, wenn sie die engen Treppenstufen hinaufklettern.

 

Einer der mysteriösesten Fälle, die Sherlock Holms gelöst hat, spielt in Dartmoor, dem beliebten Naturpark in Devon.

Der Detektiv wohnte im Duchy Hotel, in derselben Herberge, in der sein Schöpfer in den 1890er Jahren seinen Urlaub verbrachte.

Sir Arthur Conan Doyle mochte die Wildnis mit ihren gefährlichen Mooren, majestätischen Felstürmen und murmelnden Bächen.

Er ist gern durch die wind- und regen-zerzauste Landschaft gewandert – besonders, wenn Nebel plötzlich die Sicht nahm. In dieser idealen Umgebung für Legenden und Aberglauben schrieb er seinen berühmten Roman „Der Hund der Baskervilles“. Ein riesiger Geisterhund soll eine Familie über Generationen heimgesucht haben. Rationalismus wird gegen das Übernatürliche ausgespielt, das Gute gegen das Böse, als Sherlock Holmes und Dr. Watson einen Feind besiegen, der sich in der Wildnis versteckt.

Mit seinen weiten, immer wieder abwechslungsreichen Landschaften wurde Dartmoor zum Geheimtipp viktorianischer Urlauber. Städter, die es sich leisten konnten, fuhren gern aufs Land. Zum Ende der Viktorianischen Ära gab es kürzere Arbeitszeiten. Für viele war nun der Sonnabend-Nachmittag frei.

Der Premier der Königin, Disraeli, formulierte: Mehr Freizeit macht Menschen zivilisierter – wenn sie die Freizeit auch nutzen können.

Wilde Bäche in Dartmoors geheimnisvollen Wäldern haben den Kurator Charles Kingsley inspiriert, seinen Roman über die „Wasser-Babies“ zu schreiben. Er erzählt die Geschichte von Tom, dem Jungen, der sich seinen Unterhalt als Schornsteinfeger verdienen muss. Als sich Tom seines ruß-verschmierten Körpers gewahr wird, wäscht er sich in einem Fluss und ertrinkt. In einer phantastischen Unterwasser-Welt muß er viel lernen, um die Erlaubnis zu bekommen, ein Wasserbaby zu werden.

Mit dem Ziel, die jungen Leser in Tugend und Wohlverhalten zu unterweisen, war der Roman typisch für seine Zeit. Königin Viktoria mochte die Geschichte und auch ihre Kritik am Missbrauch kleiner Jungen, die man zwang, die engsten Schornsteine hinaufzuklettern. Viktoria las den Roman nicht nur ihren Kindern vor, sondern war so beeindruckt, dass sie Kingsley zum Domherrn von Westminster berief.

 

Umgeben von der zauberhaften Atmosphäre eines Flusstals hat Oxford eine Reihe bemerkenswerter Beiträge zur Entwicklung von Bildung, Wissenschaften und Literatur geleistet. In den 1850er Jahren hat ein Mathematiker, der an der Christchurch Universität lehrte, eine neue Art Kinderliteratur geschaffen.

Bei fröhlichen Bootsfahrten auf dem Fluß Isis hat Charles Dodgsen seinen jungen Freundinnen selbst erdachte Märchen erzahlt.

Später hat er sie unter dem Pseudonym Lewis Carrol veröffentlicht.

Carolls beste Freundin war die sieben Jahre alte Alice Liddel, die Tochter des Dekans der Uni.

Sie wurde die Heldin seiner berühmtesten Werke „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“.

Carrols Geschichten waren kein barer Unsinn und nicht nur phantastischen Traum-Abenteuer. Der Autor hat durch kluge Wortspiele, Witz, Schach-Probleme und mathematische Rätsel überrascht. Er hat auch seriöse Dichtung, humorvolle und kritische Essays und Bücher über Algebra verfasst.

(O-Ton Luke Gander, Alice Shop Oxford)

"Lewis Carrol hat etwas eingeführt, das sich von allem anderen unterschied. Das Kind wurde zum Helden oder zur Heldin wie im Fall von Alice. Sie hat die Inhalte bestimmt. Sie war allein. Sie war positiv und selbstsicher. Die anderen Akteure hat sie angenommen. Sie konnte geben. So viel wie sie bekommen hat.
Es war wohl das erste mal in der englischen Literatur, dass das Kind, der Held, die Heldin, wirklich die Geschehnisse kontrolliert hat. Das Kind stand im Mittelpunkt der Handlung. Die Geschichte drehte sich um das Kind. Das war ein Umbruch in der Literatur für Kinder."

Die Hochschulen von Oxford haben zahlreiche männliche Berühmtheiten hervorgebracht – unter ihnen mehr als die Hälfte aller viktorianischen Premierminister.

Die Einrichtung von vier Kollegien speziell für Frauen war nur ein symbolisches Zugeständnis. Frauen konnten nicht Vollstudenten werden. Bis 1920 durften sie keine Doktortitel erwerben. Sie durften nicht wählen. Man erwartete, dass sie heirateten. Bis 1887 konnte eine verheiratete Frau nicht einmal Eigentum besitzen.

Königin Viktoria hat ihren radikalen Anti-Feminismus in leidenschaftlichen Worte ausgedrückt: „Der Königin liegt viel daran, dass jeder diesem verrückten und verruchten Unsinn, der Forderung nach mehr Frauenrechten, Einhalt gebietet.“
„Das Thema macht die Königin so wütend, dass sie sich nicht zurückhalten kann.“
Auch die Ehe hat Victoria geringschätzig kommentiert: „Heirat ist kein Vergnügen, sondern ein feierlicher Akt - und meistens ein trauriger.“
Oder: „Ich bin mir sicher: kein Mädchen würde zum Altar gehen, wenn es schon alles wüsste, was ihm bevorsteht.“

 

Die Viktorianer liebten jede Art von Unterhaltung. Zum Ende des Jahrhunderts waren Musikhallen und Theater bis auf den letzten Platz besetzt. Die Zuschauer waren oft sogar gehalten, an Schauspielen direkt teilzunehmen.

Modern waren Operetten im englischen Stil - geprägt vor allem von den Künstlern Gilbert und Sullivan.

Der Dramatiker und Librettist William Gilbert und der Komponist Arthur Sullivan hatten eine besondere Form des Gesang-Schauspiels entwickelt. In den Stücken ging es drunter und drüber. Es waren absurde Geschichten, gemischt mit Satire und großer, heroischer Oper.

Sullivans Melodien wurden überall gepfiffen und gesummt.

1882 wurde Londons Savoy-Theater d i e Bühne für Top-Unterhalter. Das Savoy war das erste Schauspiel-Haus mit Elektrizität. Dort ließen sich magische Szenen funkelnd untermalen.

„Mikado“ war Gilbert und Sullivans erfolgreichste Operette. Sie nahm die englische Bürokratie auf die Schippe. Ort der exotischen Handlung war Japan.

Für Jahre im Voraus waren Gilbert und Sullivans Vorstellungen ausverkauft. Die Londoner Gesellschaft fieberte der nächsten Premiere entgegen.

Arthur Sullivan wurde 1883 von der Königin in den Adelsstand erhoben.

Gilbert und Sullivans Arbeit hat Generationen von Komponisten,
Liedermachern und Musikproduzenten inspiriert – bis zum heutigen Tag.

 

Die „Prä-Raffaeliten-Bewegung“ war eine Gruppe von Malern und Schriftstellern, die sich 1848 zusammenfand. Sie wollte zeitgerechte Kunst schaffen. Die Werke, die entstanden, verbinden Realismus mit Symbolismus. Auf konventionelle Auffassungen über Stil und Gegenstand wurde wenig Rücksicht genommen.

„Lady Shallot“, gemalt von John William Waterhouse, wurde von Arthur Tennysons Gedicht über Legenden von König Arthur angeregt. „Lady Shallot” verliebt sich in den Ritter Lancelot, der die Liebe aber nicht erwidert.

„Hylas und die Nymphen“ – auch ein Bild von Waterhouse – erinnert an die griechische Mythologie.

Die Prä-Raffaeliten orientierten sich an Klassikern vor dem Renaissance-Maler Raffael. Sie wollten die Natur wieder-entdecken. Sie romantisierten sie stark.

Die meisten Bilder entstanden unter freiem Himmel.

Die Maler-Modelle mussten stundenlang posieren – auch bei schlechtem Wetter.

Als Motive wählten die Künstler nicht nur Szenen aus alten Mythen und Legenden, sondern auch aus klassischen Dramen jüngerer Zeit.

„Ophelia“ ist das bekannteste Bild von John Everett Millais. Es bezieht sich auf William Shakespeares Tragödie „Hamlet“ und seine geliebte Ophelia, die im Fluss ertrinkt. Millais Modell, das in einer Badewanne lag, respektierte den Künstler so sehr, dass die junge Frau es nicht wagte, seine Arbeit zu unterbrechen. Die Kerzen unter der Wanne waren ausgebrannt. Das Badewasser wurde kalt, das Malermodell todkrank.

„Ophelia“ war ein beliebtes Motiv der Zeit. Zwei weitere Bilder von Hamlets Geliebten wurden von John William Waterhouse auf die Leinwand gebracht.

 

Ein Schriftsteller, Dichter und Kritiker, der für seinen scharfen Verstand berühmt war, ist der anglo-irische Intellektuelle Oscar Wilde gewesen. Wilde's Theater-Stücke ernteten in London großen Beifall.
Heute erinnert eine Bank in Londons Covent Garden an die herausragende viktorianische Persönlichkeit. Die homosexuellen Beziehungen des Autors, die schwer bestraft wurden, brachten Wilde Kerker und zwei Jahre Zwangsarbeit. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, ging er nach Frankreich und starb dort zwei Jahre später – bettelarm – im Jahre 1900.

 

Ein charakteristisches Merkmal viktorianischen Technik-Fortschritts wurde den Londoner Baudenkmälern 1894 hinzugefügt. Als Königin Victoria im 57. Jahr ihrer Amtszeit war, wurde die Tower Bridge über der Themse eingeweiht. Entworfen und gebaut von Wolfe Barry und Horace Jones benötigte man acht Jahre, um das neue Meisterstück britischer Ingenieure zu vollenden.

Die Kombination einer Hänge- und einer Klappbrücke ist aus Stahl. Die Verkleidung aus Stein, die elftausend Tonnen Metall verdeckt, wurde u.a. gewählt, damit die Brücke zum nahen historischen London Tower passt. Die Klappen, die je eintausend Tonnen wiegen, wurden 50 mal am Tag geöffnet, damit Schiffe mit hohen Masten zu den Häfen gelangten, die früher am südlichen Themse-Ufer lagen.

 

Während Viktorias langer Regentschaft ist das Parlament gestärkt worden. Die Königin regierte auf der Grundlage von Entscheidungen, die die gewählten Volksvertreter trafen.

Zur Jahrhundertwende war Kinderarbeit in Fabriken und in Bergwerken gesetzlich verboten. Es gab kürzere Arbeitszeiten.

Wahlen wurden demokratischer. Die Lebensqualität – was Gesundheit und Hygiene betraf - war verbessert worden.

Neue Technologien ermöglichten bessere Logistik und schnelle Kommunikation.

Menschenverachtende Armut war zurückgedrängt, und eine große, gut situierte Mittelklasse hatte zu einer im großen und ganzen florierenden Wirtschaft beigetragen.

Viktorias Epoche: eine Zeit des Ruhms, des Fortschritts, des Wachstums und eine Ära doppelter Moral

– vor allem aber eine Zeit ungeheurer Veränderungen.